Rezeptfreie Punkrock-Sauna im Freizi

VEGESACK. Ausgehend von England und Amerika spülte gegen Ende der Siebziger eine weltweite Welle nihilistische, ungehobelte Gestalten mit rauen Manieren neben Discoklängen und anspruchsvollem Rock der Marke "Led Zeppelin" in die Charts der etwas träge gewordenen Popmusikwelt: Der Punkrock war geboren, und mit ihm die "Generation X". Was ist von ihr geblieben?Auf den ersten Blick wahrscheinlich nicht viel: In der Öffentlichkeit erregen die Überlebenden der Punkgeneration - insbesondere, nachdem das traditionelle "Haste mal 'ne Maak?" durch EU-weite Währungsgleichschaltung aus der Mode kam - außer ihrer extrovertierten Erscheinung kaum noch sonderliches Aufsehen. Und das musikalische Erbe wird mittlerweile durch Acts wie "Blink 182" oder die "Bloodhound Gang", zum Großteil jeglicher polit- und sozialkritischen Inhalte beraubt, mundgerecht an die MTV-Generation verfüttert.Wer nun jedoch glaubt, mit dem Verschwinden aus dem öffentlichen Blickfeld habe sich das Thema Punk zum Großteil erledigt, erkennt seinen Irrtum spätestens bei einem Blick in die - noch - zahlreichen Jugendzentren und Antifa-Cafés des Landes. Auch das Aumunder Freizi stellt seit langem einen beliebten und gut besuchten Austragungsort für Punkkonzerte dar. So tummelten sich beinahe 300 Besucher auf der ersten "Revival-Nacht der drei Akkorde": Nachdem Initiator "Grillmaster Flash" die Konzertreihe vor vier Monaten gemeinsam mit seiner Band "Hobby & Teneriffa" eigentlich ein für alle Mal beerdigt hatte, bemerkte er offenbar, das sich auch sein zweites musikalisches Betätigungsfeld namens "2nd Solution" musikalisch ebenso dem Punkrock verschrieben hat. So lag es nahe, die Konzertreihe gemeinsam mit zwei ähnlich gelagerten Kapellen doch wieder aufzulegen. Die erste von ihnen, "Scoophead", absolvierte ihr Konzertdebüt als Opening-Act. Zwar kämpften die Jungs bisweilen spürbar mit Nervosität und der Bewegungsfaktor auf der Bühne tendierte gen Null, dafür wusste der heimische Vierer jedoch, angefeuert durch den Fanblock, mit seinem Rumpelpunk englischer Schule die Anwesenden immer mehr auf seine Seite zu bringen und mussten zu guter Letzt sogar Zugabe-Forderungen erfüllen.Bühne frei für "2nd Solution": Nach sechsmonatiger Bühnenabstinenz und dem Abgang eines Gitarristen rockten die selbsternannten Hansepunks erstmals öffentlich zu viert und brachten auch mit nur einer Gitarre die Meute zum Kochen. Bier spritzte auf der Bühne und im Saal, Bandmitglieder und Publikum flogen gleichermaßen durch die Luft und über Monitorboxen, Stagediving und Pogo erwiesen sich wieder einmal als mindestens ebenso effiziente Körperertüchtigungsvarianten wie Jazztanz und Aerobic. Und zum Abschluss zollten die Funpunks mit Coverversionen von "The Clash" und "Ramones" ihren musikalischen Wurzeln Tribut. Etwaigen besorgten Eltern unter unserer Leserschaft sei versichert, dass sich das Konzert in der hinteren Saalhälfte durchaus auch ohne blaue Flecken und Bier auf Haaren und Kleidung verfolgen ließ.Den Konzertabschluss bildeten schließlich die "Scumpies" aus Weyhe, die dort zu den Stammgästen des jährlichen "Aufmucken gegen Rechts"-Festivals gehören. Mit exotischen Schalentieren hat dieses ohne Bass, dafür mit zwei Gitarren agierende Trio jedoch wenig gemein, eher stand hier das englische "Scum" (dt.: Abschaum) gedanklich Pate für die Wortschöpfung. Auch hier wurde munter mit einer Mischung aus Spaß und Gesellschaftskritik drauflosgeholzt, und im Gegensatz zu vielen anderen Gästen aus dem Nordbremer Ausland schafften es die Weyher, den Saal auch in der letzten Konzertstunde gut gefüllt zu halten.Was nun aber ist geblieben vom Punk der späten Siebziger? Nun, neben der Musik und Attitüde ist es wohl auch immer noch der vereinende Idealistentraum, archaische, konservative Gesellschaftsstrukturen irgendwann durch Musik und radikalen Protest doch noch aufbrechen zu können - und wenn nicht, zumindest die Möglichkeit für ein paar Stunden die Sau rauslassen und seinen Unmut mit zu bekunden - der den Punkrock auch in den nächsten Dekaden nicht nur im Freizi am Leben erhalten wird.

 

Quelle: Weser- Kurier/ Die Norddeutsche vom 22.02.06